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Rauchen hilft sagt Thom.
Rauchen hilft immer, sagt sie, auch jetzt in diesem Moment und sie zieht an ihrer Zigarette. Dabei schließt sie die Augen. Rauchen ist Genuss sagt Thom.
Sie bläst den Rauch aus ihrem dünnlippigen schmalen Mund in den klaren Sommerhimmel.
Rauchen macht wieder klar im Kopf sagt sie. Jedenfalls klarer als sonst und sie grinst.
Wir sitzen im Weinberg, die Zivilisation hinter uns und doch ständig anwesend. Natürlich ist das hier keine echte Natur - es ist geschundene Natur. Aber sie ist ja nicht tot, sagt Thom und zieht wieder an der Kippe, in der Stadt ist sie tot aber hier ist sie nur in Knechtschaft. Und das ist besser als Tod. Ich nicke und denke dabei gar nicht nach, ich achte nur auf ihren Mund, wie er Rauch ausstößt und seufze.
Als ich später darüber nachdenke, empfinde ich ihre Aussage als unsinnig. Lieber Tod als Knechtschaft denke ich, so sind sie doch Märtyrer geworden. Wer erinnert sich an einen Gefangenen, Tote, denke ich bei mir, Tote sind für die Ewigkeit.
Sie drückt ihre Zigarette auf dem Boden aus, ein Grashalm stirbt und vermutlich noch tausende von Mikroorganismen mit ihm.
Ethisch gesehen ist das alles sehr bedenklich, sagt Thom. Schau gerade habe ich getötet, ich töte immer. Bei jedem Schritt, bei jedem Atemzug bringe ich etwas um sein Leben. Ethisch gesehen, sage ich, ist das egal, ethisch gesehen, lebt das nicht, was du tötest. Aber biologisch gesehen ist das doch anders. Biologisch gesehen leben sie ja die Viecher und dann sagt jeder hier doch, dass das nichts Lebendiges ist.
Ich atme ein und bin mit in dieser Sekunde scheinbar bewusst was ich damit anrichte. Ist es dann nicht besser nicht mehr hier zu sein frage ich - ohnehin macht mein Leben keinen großen Sinn, so erscheint es mir jedenfalls, und warum hier bleiben - und dann aus purem Trotz weiteratmen. Aus purer Bösartigkeit weiteratmen und tausende oder Millionen von Lebewesen oder was auch immer mit in den Tod zu reißen. Wieso sollte ich frage ich sie - sie zuckt mit den Schultern, zündet sich eine neue Zigarette an.
Aber du weißt ja nicht, ob sie es mitkriegen, deine Mikroorganismen oder?
Ich glaube nicht sagt sie und nickt, als ob sie sich selbst beruhigen wollte.
Man  weiß es nicht. Aber es lebt, denn es bewegt sich irgendwie und auch, wenn es sich nicht bewegen würde -  Alles lebt, wir sind ein einziger riesiger glühender Organismus der ein- und ausatmet,  sagt sie und ich nicke nur, sie ascht ab und tötet nur noch mehr.
Moralisch gesehen, will ich wissen, ist es moralisch gesehen dann schlimmer dich zu töten oder zehntausende Mikroorganismen zu vernichten?
Sie schaut nicht entsetzt - dafür kennt sie mich zu gut, sie sagt nur ja, moralisch gesehen wäre es schlimmer wenn du mich tötest, aber es ist die Art wie sie es sagt.
Wer hat denn die Moral gemacht fragt sie mich und ihre dünnen Lippen lächeln spöttisch aber es ist auch eine gewisse Wehmut darin zu erkennen – die Moral haben die gemacht. Wenn Thom „die“ ausspricht, dann ist es, als ob sie es ausspucken würde, so viel Verachtung in drei kleinen Buchstaben, denke ich mir. Deshalb bilden sie sich auch ein, dass sie mehr Wert sind fährt sie unbeirrt fort.
Vermutlich hat sie nicht gemerkt was ich gedacht habe, wie sollte sie auch, denke ich mir und muss über mich selbst lachen.
 Sie denken, sie wären intelligent und richten sich doch dabei selbst zu Grunde -  die ganze Menschheit kann man ja irgendwie mit uns beiden vergleichen. Sie halten sich für die Krönung der Schöpfung, für das alles beherrschende Element auf das dieser Planet jahr millionene gewartet hat. Sie erlassen Regeln, an die man sich halten soll. Zum Schutz der Gemeinschaft sagen sie und denken dann doch nur an sich. Dann reißen sie nicht nur Mikroorganismen mit in den Tod, wie wir zwei es tun, sondern die ganze Natur und letztendlich sich selbst.
Aber jetzt sage ich auch nur Mikroorganismen und da bin ich ganz Mensch weil ich ja wieder nur an mich denke. Wie ich es verabscheue, ich zu sein, sagt Thom und pustet einen Rauchring in die Luft, aber man kann nicht aus seiner Haut, habe ich gehört. Aber das hat auch irgendein Mensch gesagt kombiniert Thom – und in dem Moment ergreift dasselbe Gefühl besitz von mir, dass auch ihr einen Grund zum Zweifeln gegeben hat. Ich werde misstrauisch.
Erst wird versklavt und dann ... gekillt sagt sie und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Lass sie da sage ich du bist schön so ... unordentlich -  sie streicht die Haare trotzdem zurück und drückt die Zigarette aus, auf dem Boden. Tod. Und Schwärze.
Es ist als ob sie ausprobieren würde, wie weit sie gehen kann. Ich muss an meine Mutter denken wie sie gegen Drogenkonsum predigt. Es fängt mit einer kleinen Zigarette an sagt sie und ihre Stimme wird schrill wenn sie dann den nächsten Satz ausspricht. Und dann ehe du dich versiehst sitzt du in Berlin am Bahnhof Zoo und verkaufst deinen Körper für ein bisschen Heroin sagt sie. Ich muss lachen weil mir die Dummheit ihres Satzes bewusst wird und ich gerade in der Stimmung bin Thom meine Gefühlsregung mitzuteilen.
Erst fängt es mit Mikroorganismen an sage ich, und grinse dabei um ihr deutlich zu machen, dass ich es damit nicht ernst meine. Und dann sage ich, und versuche meine Stimme in dieselben Sphären zu erheben, in denen meine Mutter schwebt, wenn sie wieder Horrormärchen erzählt – und dann, sage ich, tötest du ein Tier und lachst darüber und irgendwann, jetzt lasse ich meine Stimme bedrohlich in den Keller gehen, irgendwann, wirst du selbst vor einem Menschen nicht mehr Halt machen.
Dann höre ich auf mit dem Theater und warte auf Thoms Reaktion – nur die Reaktion ist anders, na ja ich hätte mir das ja schon denken können.
Thom ist anders also wird sie sicherlich nicht Prustenderweise neben mir im Gras landen.
Ihre Augen weiten sich und als sie den Mund öffnet, um zu reagieren hat ihre Stimme etwas seltsam Zittriges. Du hast recht sagt sie und wie um sich klar zu machen, was sie gerade erfahren hat wiederholt sie den Satz wieder und wieder und immer wieder.
Ich sage nichts, ich sehe sie nur an und beschließe, dieses Bild für immer aufzubewahren. In diesem Moment war sie wie nackt, sie war so echt, so rein, so natürlich und so voller Erkenntnis wie ich sie nie wieder erlebt habe. Ich liebte diese Nacktheit, diese Haut unter der Haut die sich nun in ihr, in mir offenbarte. Und ich wusste, sie hatte Recht.
Wenn ich beginne die kleinen Sünden, meine kleinen Fehler zu relativieren – wie weit ist es dann noch bis zu den großen? Und wo liegt der Unterschied?
Besteht der Unterschied nicht nur lediglich daraus, dass wir die Moral gemacht haben und wir festlegen das Mord an Menschen eine große und Mikroorganismen Massenmord eine nichtige Sünde ist?
Du hast Recht sagte ich.
Du hast Recht sagte sie.
Damit war die Sache geklärt aber die daraus gewonnene Erkenntnis schwebte immer noch wie ein zarter Nebelschleier über unseren Köpfen
Ich habe Fehler, die Welt ist schlimm und böse und gemein sage ich.
Sie ist voller Morde und Vergewaltigungen und es fängt schon hier im Grass bei uns an.
Wenn wir liegen und atmen und erst recht wenn wir uns bewegen dann kommen wir nicht umhin all das, wovor wir uns jeden Tag vor dem Fernseher fürchten, all das, was wir mit Abscheu in den Augen betrachten, selbst auszuführen.
Und weil wir es jeden Tag sehen und ein solcher Abstand wächst zwischen uns und den Katastrophen da draußen realisieren wir nicht mehr was wir tun, und auch nicht mehr, dass wir auch etwas tun können – etwas dagegen.
Ich weiß, dass die Welt schlimm ist und böse und jeden Tag Morde um Morde um Morde verübt werden. Und wenn es Morde sind hat man vermutlich einfach Glück gehabt, sage ich und sie nickt und greift in ihre Tasche.
Eine neue Zigarette und der Zauber des vorherigen Moments, den sie vermutlich nicht einmal gespürt hat, ist verloren.
Mit einer kleinen Geste verloren – mit dieser Geste hat sie sich bekannt, denke ich mir und ich frage mich, ob ihr das Ausmaß dieser kleinen Handlung so drastisch bewusst wird wie mir.
 
Wenn sie die Zigarette auf dem Gras ausdrückt denke ich mir und fiebere fast schon mit, dann muss ich sterben.
Wenn sie diesen Moment tatsächlich verkennt, dann liegt keine zweite Haut unter ihrer ersten.
Wenn sie nicht erkennt was diese letzte Geste bedeutet, dann war die Erkenntnis, die vorhin in ihren Augen so hell leuchtete wohl nur ein verirrter Sonnenstrahl.
Während all diese Gedanken durch meinen Schädel rasen öffnet sie ihren Mund.
Ich bete, flehe, dass sie etwas sagen möchte, die Initiative ergreifen möge um mir zu zeigen, dass sie wahre Schönheit besitzt, so viel Schönheit unter dem Pullover, unter der Haut, den Muskeln, den Blutgefäßen und Nervenzellen, dass sie mich für immer umfängt.
Weißt du, sagt sie, und verzieht dabei wieder ihre schmalen Lippen, weißt du, ich möchte eigentlich kein Teil dieses großen Ganzen sein.
Ein Amboss, der mir vom Herzen fällt, für eine Sekunde kann ich frei atmen.
Ihr Satz ist noch nicht beendet.
Was kann ich schon tun, sagt sie und drückt ihre Zigarette mit einem hässlichen knirschenden Geräusch auf dem Gras aus.
10.5.07 18:13





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